Atma Vichara (Sanskrit: atma: ich + vichara: Suche, Ergründung, Erforschung) bedeutet die Ergründung des Selbst (die Ergründung des Ego-Ichs). Ramana Maharshi empfiehlt, sich die Frage: „Wer bin ich?“ zu stellen. „Verfolge unerbittliche die Ergründung ‚Wer bin ich?’ Spüre die Wurzel deiner Persönlichkeit auf! Finde heraus, von wo der Ich-Gedanke entspringt! Wende den Geist nach innen! Mit der Praxis werden sich die Gedankenströme beruhigen und du fühlst eine untrügliche Intuition. Überlasse dich dieser Intuition. Lass dein Denken ein Ende nehmen und sie wird dich ans Ziel bringen.“

Vichara wird oft mit Meditation [Dhyana] verwechselt. Meditation verlangt nach einem Subjekt und einem Objekt, während Vichara die zwanghafte Vorstellung an ein Objekt beendet. In Gespräch 390 der ‚Talks with Sri Ramana Maharshi’ erklärt der Maharshi: „Dhyana [Meditation] ist die Konzentration auf ein Objekt. Sie erfüllt ihren Zweck, indem sie die verschiedenen Gedanken fernhält und den Geist auf einen einzigen Gedanken richtet. Doch auch er muss verschwinden, bevor die Verwirklichung [des Selbst] eintreten kann. Die Verwirklichung ist nichts Neues, das man erwerben könnte. Sie ist bereits da, aber von einem Schirm von Gedanken verdeckt. Unsere ganze Anstrengung richtet sich darauf, diesen Schirm zu lüften. Dann kommt die Verwirklichung ans Licht. Wenn ein wahrhaft Suchender angewiesen wird zu meditieren, gehen viele zufrieden mit dieser Anweisung fort. Doch einer unter ihnen mag sich umwenden und fragen: ‚Wer bin ich, dass ich über ein Objekt meditieren soll?’ Ihm muss man sagen, er soll das Selbst finden. Das ist das Endgültige. Das ist Vichara.“

Des Weiteren rät Ramana Maharshi: „Lass den Geist nicht ausschwärmen, indem du dich fragst: ‚Wer bist du?’ und ’Wer ist er?’ Wende ihn vielmehr nach innen und frage beständig und eifrig: ‚Wer bin ich?’“

Atma Vichara sollte auch nicht als eine reine Yoga-Übung betrachtet werden, die man täglich zu bestimmten Zeiten durchführt und dann wieder bis zur nächsten Übungszeit vergisst, obwohl das ein gültiger Weg ist, um den Geist in die Übung einzuführen. Auch ist Atma Vichara kein Hobby, sondern ein Lebensweg. Die Methode des Vichara konzentriert sich von Anfang an auf den Meditierenden (den Denker). Es ist ein radikaler Weg.

Wenn die Gedanken (und Gefühle) durch die intensive Praxis der Selbstergründung zur Ruhe kommen, offenbart sich ein ewiges und ununterbrochenes Bewusstsein, das als „Ich-Ich“ in Erscheinung tritt. Es ist kein beobachtetes Bewusstsein. Das „Ich-Ich“ ist sowohl der Vorbote des Selbst als auch der Tod des Egos. „Während wir zu unserer Quelle zurückgehen, wenn alle Gedanken verschwunden sind, erhebt sich ein Pochen, das aus dem Herzen [Hridaya] auf der rechten Seite der Brust kommt und sich als ‚Ich-Ich’ manifestiert. Es ist das Zeichen dafür, dass das reine Bewusstsein anfängt, sich zu offenbaren. Aber es ist kein Ende in sich. Beobachte, von wo dieses Pochen ausgeht, und warte aufmerksam und stetig auf die Enthüllung des Selbst. Dann kommt die Bewusstheit, die Einheit der Existenz.“ (aus ‚Moments Remembered’) In Talk 24 erklärt Ramana Maharshi: „Die Gedanken müssen aufhören und das Argumentieren verschwinden, damit das ‚Ich-Ich’ sich erheben und spürbar werden kann. Das Spüren ist der erste Faktor, nicht der Verstand.“ Und an anderer Stelle: „Das, was ist, sagt nicht einmal mehr: ‚Ich bin’, denn gibt es irgendeinen Zweifel, dass ich nicht sein könnte? (aus Talk 197)


Methode

In seinem Büchlein ‚Who am I?’ (in dt. Übers. ‚Wer bin ich?’) beschreibt Ramana Maharshi die Methode folgendermaßen: „Wenn andere Gedanken auftauchen, soll man sie nicht verfolgen, sondern sich fragen: ‚Wem kommen sie?’ Es spielt keine Rolle, wie viele Gedanken auftauchen. Sobald ein Gedanke auftaucht, sollte man mit Nachdruck die Erforschung betreiben: ‚Wem kommt dieser Gedanke?’ Die Antwort lautet: ‚mir’. Wenn man sodann fragt: ‚Wer bin ich?’, kehrt der Geist zu seiner Quelle zurück und der Gedanke verliert seine Kraft. Mit wiederholter Praxis wird der Geist die Fähigkeit entwickeln, in seiner Quelle zu bleiben.“

Der Maharshi macht deutlich, dass es keine fortgeschrittene Methode gibt, sondern nur ein Reifen des Vichara. Vichara ist die direkte Methode. „Es gibt nichts weiter zu wissen, als das, was man in den Büchern findet. Es gibt keine geheime Technik. Alles ist hier ein offenes Geheimnis.“(aus ‚Day by Day’, 8.10.46)

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